Polystyrol – (brand-)gefährliche Dämmung?

Die Kritik an Polystyrol reißt nicht ab. Der weit verbreitete Dämmstoff steht schon länger in der Kritik. Seit 2016 wird Polystyrol, besser bekannt unter seinem BASF-Handelsnamen Styropor, als Sondermüll deklariert und das mit allen einhergehenden Auswirkungen. Der jüngste Wohnhausbrand in Duisburg feuert die Debatte um einen der gängigsten Dämmstoffe weiter an. Wärmedämmplatten aus Polystyrol gelten als schwerentflammbar. Das tatsächliche Brandverhalten sieht allerdings anders aus. Polystyrol ist brandgefährlich und angesichts der vielen möglichen Alternativen mehr als ersetzbar.

Gefahrenherd Wärmedämmstoffverbundsystem

Dämmung mit Polystyrolplatten

Als Dämmung günstig, aber mit problematischem Brandverhalten: Polystyrol.

Der Wohnungsbrand in Duisburg reiht sich ein in eine Serie von Bränden, bei denen Wärmedämmverbundsysteme aus Polystyrol maßgeblich zu einer katastrophalen Brandentwicklung beigetragen haben. Im Brandfall können Wärmedämmverbundsysteme auf der Basis von Polystyrol als Brandbeschleuniger wirken. Das ist der Tenor aus der Materialprüfanstalt aus Braunschweig. In Deutschland müssen WDVS aus Polystyrol die Brandschutzklasse B1, also schwerentflammbar erfüllen, um baurechtlich in Mehrfamilienhäusern Verwendung finden zu können. Versuche durch den NDR zeigen ein anderes Bild. Zwanzig Minuten hätte das System schweren Flammen standhalten müssen, im Versuch war bereits nach acht Minuten Schluss. Brände wie in Duisburg sind leider kein Einzelfall, inzwischen mehren sich Dach- und Fassadenbrände. Interessenten werden in der Mediathek der Feuerwehr Frankfurt am Main fündig. Hier werden seit 2001 Brandereignisse in Verbindung mit WDVS dokumentiert.

Schärfere Regelungen erst seit 2015

Grundsätzlich ist Polystyrol als Dämmstoff geeignet, so Professor Ries vom Deutschen Feuerwehrverband. Dies sei aber an Bedingungen geknüpft. Nur wenn alle Sicherheitsmaßnahmen gewährleistet sind, kann ein großflächiges Ausbreiten von Bränden verhindert werden. Brandriegel, also Unterbrechungen der Kunststofffassade durch nichtbrennbare Steinwolle, müssen in Deutschland bei Gebäuden über sieben Meter alle zwei Stockwerke eingebaut werden. Zu wenig, so Ries. Er fordert, dass Flächen, in denen sich das Feuer im Polystyrol ausbreiten kann, begrenzt werden. Vor allem im Erdgeschossbereich, wo Mülltonnen und Fahrzeuge eine erhöhte Brandgefahr darstellen, muss die Dämmung brandsicher sein. Auf diese Kritik ist seitens der Politik auch eingegangen worden. Seit 2015 müssen zwei zusätzliche Brandriegel eingebaut werden – viel zu spät, so Ries. Er fordert, dass alle bereits gebauten Fassaden überprüft und erneuert werden müssen.

Polystyrol: Nicht nur brennbar, sondern auch giftig

Polystyrol steht nicht nur aufgrund seiner Brennbarkeit in der Kritik. Trotz aller Bemühungen ist der Dämmstoff entflammbar. Um dies zu verhindern, enthalten die Platten das giftige Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan (HBCD). Seit 2013 weltweit verboten, lagert es in Millionen Quadratmetern Dämmmaterial mit ungewisser Möglichkeit zur Entsorgung. Fest steht, dass mit HBCD behandelte Platten seit dem Frühjahr 2016 als Sondermüll deklariert und entsorgt werden müssen. Aktuell werden ausgediente Platten als Kunststoffabfall oder gemischter Bauabfall entsorgt, zerkleinert, mit anderen Abfällen durchmengt und verbrannt. Doch mit Problemen bei der Entsorgung von ausgedienten Polystyrol-Platten sehen sich Immobilienbesitzer bereits jetzt konfrontiert. Oft werden diese nicht mehr von den ortsansässigen Entsorgungsunternehmen kostenfrei angenommen. Deutschlandweit kleben etwa 800 Millionen Quadratmeter Polystyrolplatten an den Fassaden, größer als die Fläche des Stadtgebiets von Hamburg, und so ist es kein Wunder, dass Bauexperten jetzt schon logistische Probleme bei der Entsorgung kommen sehen. Da bei der Verbrennung der Flammhemmer giftige Dioxine entstehen, ist eine Entsorgung über konventionelle Müllverbrennungsanlagen nicht möglich. Nur mithilfe von Spezialfiltern können die krebserregenden Stoffe aus dem Rauchgas gezogen werden.

Fazit

Polystyrol stellt eine Gefahr dar. Hier muss aber von Fall zu Fall unterschieden werden. Freistehende Einfamilienhäuser bergen ein weitaus geringeres Risiko für einen durch die Dämmung befeuerten Fassadenbrand als eng stehende Mehrfamilien- und Hochhäuser. Wer brandtechnisch auf Nummer sicher gehen will, dem sei Mineralfaser ans Herz gelegt. Diese kostet im Schnitt etwa 10 bis 20% mehr, ist dafür aber nicht entflammbar. Doch was sind die Alternativen, auch im Hinblick auf die Entsorgung? Hiergegen ist ein Kraut gewachsen: Dämmmaterial aus erneuerbaren Rohstoffen. Damit Sie bei der Auswahl zwischen Hanf, Wolle und Co. nicht den Überblick verlieren, lohnt sich ein Blick in folgenden Artikel auf unserer Seite: Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen

meister.de

Auf unserem Expertenblog finden Sie Fachwissen und spannende Beiträge rund um die Themen Handwerk, Bauen, Wohnen und Sanieren.
Die vielseitigen Kategorien, mit nützlichen Tipps und Checklisten sind hilfreich für Handwerker, Heimwerker, Bauherren und alle die gerne anpacken.

Fragen? Feedback? Anmerkungen?
Kommentar hinterlassen oder eine Mail an redaktion@meister.de schreiben
meister.de

/ DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

FOLGEN SIE UNS

Alle Rechte vorbehalten © Portal United AG 2019