„Meister made in Germany“: Auf ein Wort mit Iris Gleicke (MdB)

Iris Gleicke – Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie, Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer und Beauftragte der Bundesregierung für Mittelstand und Tourismus – über die Chancen und Herausforderungen des deutschen Handwerks.

Welche Verbindung haben Sie zum Handwerk?

Zunächst mal eine sehr persönliche, weil ich aus einer Handwerkerfamilie komme. Ich bin ja schon seit 1990 Bundestagsabgeordnete, und es ist ja kein Zufall, dass ich mich dort von Anfang an für die Belange des Handwerks und der kleinen und mittelständi­schen Unternehmen insgesamt eingesetzt habe. Ich weiß noch sehr gut, wie das war, als mein Vater bis spät abends über seinen Büchern gesessen hat. Und mir braucht keiner zu erklären, was das für so einen Betrieb und für die Familie bedeutet, wenn die Auftraggeber die Rechnungen nicht bezahlen. Handwerk hat goldenen Boden, das stimmt schon, aber man kann auf diesem Boden auch ziemlich hart und ohne eigenes Verschulden aufschlagen. Ich habe das auch als Mittelstandsbeauftragte der Bundesregierung genauso im Hinterkopf wie die immer noch zu wenig bekannte Tatsache, dass das Handwerk mit rund einer Million Betriebe und mit fünf Millionen Beschäftigten eine tragende Säule der deutschen Wirtschaft ist.

Die Rahmenbedingungen für das Handwerk und mittelständische Unternehmen sind gut, aber man kann sie noch weiter verbessern und man muss sie vor Übergriffen schützen. Stichworte sind die Meisterpflicht, die duale Ausbildung und die Selbstver­waltung der gewerblichen Wirtschaft. Darum kümmere ich mich, genau so wie um die Gleichstellung von beruflicher und akademischer Bildung. Die Bundesregierung fördert außerdem Unternehmensgründungen, verbessert Finanzierungsmöglichkeiten, investiert mehr in die Verkehrsinfrastruktur und fördert die energetische Gebäude­sanierung. Das kommt vor allem auch dem Handwerk zugute. Wenn da irgendwas nicht klappt oder wenn jemandem der Schuh drückt, dann stehe ich als Ansprechpartnerin gerne zur Verfügung. Und ich stehe natürlich in regem Kontakt zu den Kammern und Verbänden des Handwerks in ganz Deutschland.

Was macht einen Meisterbetrieb aus?

Ein „Meister made in Germany“ ist ganz einfach ein Gütesiegel erster Klasse, das eine sehr hohe Dienstleistungs- und Produktqualität garantiert. Ein Meisterbetrieb steht für Fachkompetenz und hohe Ausbildungsqualität im Handwerk. In der Meisterschule werden neben fachlichen auch betriebswirtschaftliche, kaufmännische und rechtliche Kenntnisse vermittelt. Das bildet eine solide Basis für eine erfolgreiche Unternehmens­führung. Das Insolvenzrisiko ist geringer und meistergeführte Betriebe können sich besser am Markt behaupten.

 
Warum sollte der Meistertitel erhalten bleiben?

Weil die Meisterpflicht ein Eckpfeiler unserer Wirtschaft ist. Allein schon für die duale Ausbildung im Handwerk ist die Meisterpflicht von herausragender Bedeutung. Wenn man sich die Zahlen ansieht, so zeigt sich, dass besonders die meistergeführten Betriebe zu einer hochwertigen Berufsausbildung beitragen. In über 130 Gewerken bilden Handwerksbetriebe rund 400.000 junge Menschen aus. Jährlich werden rund 120.000 neue Ausbildungsverträge geschlossen. Die Ausbildungsquote im zulassungs­pflichtigen Handwerk beträgt nahezu 11 Prozent. Sie ist damit mehr als doppelt so hoch wie in der übrigen Wirtschaft. So leistet das Handwerk einen erheblichen Beitrag zur Fachkräftesicherung – weit über das Handwerk hinaus!

Das Handwerk bietet jungen Menschen Chancen und berufliche Perspektiven. Es ist kein Zufall, dass man in vielen Ländern durchaus mit einem gewissen Neid auf unsere duale Ausbildung blickt. Unsere berufliche Aus- und Weiterbildung ist die Basis für unsere Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit, wir haben europaweit die geringste Jugendarbeitslosigkeit.

 
Welche Maßnahmen ergreift die Politik, um das Handwerk zu stärken?

Die Bundesregierung steht zu der Meisterpflicht im Handwerk, so ist es ja auch im Koalitionsvertrag vereinbart. Wir haben die Vorzüge der Meisterpflicht auch in der europäischen Diskussion immer wieder betont und wiederholt darauf hingewiesen, dass im Handwerk keine Beschränkungen des Binnenmarktes gegeben sind. Die Bundes­regierung wird auch weiterhin für die Meisterpflicht in Brüssel eintreten. Wir können die Diskussion mit der Kommission und den Mitgliedsstaaten als Chance begreifen, unseren Partnern die deutschen Strukturen zu erklären. Wir können die Gelegenheit nutzen, um für unser System zu werben. Ich denke hier besonders an die so genannte „Transparenzinitiative“ der Europäischen Kommission. Ende 2013 hat die Kommission eine Überprüfung der mitgliedsstaatlichen Reglementierungen des Berufszugangs eingeleitet. Die Kommission zielt damit auf eine verstärkte Öffnung des Dienstleistungs­binnenmarktes. Die Bundesregierung setzt sich dafür ein, dass diese Untersuchung ergebnisoffen durchgeführt wird und dass gerade die Vorteile der Meisterpflicht umfassend berücksichtigt werden.

Und Bundesminister Sigmar Gabriel hat sich persönlich zu einem „Mitstreiter“ des Handwerks erklärt und klipp und klar gesagt, der Meisterbrief stehe für ihn „nicht zur Disposition“. Das ist der Rückenwind, den der Meisterbrief in Brüssel braucht!

 
„Wo sehen Sie Möglichkeiten, den Fachkräftemangel sowie mancherorts die schlechte Auftragslage zu beheben?“

Wir verfolgen mehrere Ansätze. Wir wollen den Geringqualifizierten und Langzeit­arbeitslosen eine neue Chance am Arbeitsmarkt geben. Wir wollen mehr Menschen mit Migrationshintergrund in Lohn und Brot bringen. Und wir finden, dass Frauen mitten ins Erwerbsleben gehören und nicht an den Kochtopf. Das alles wird aber allein nicht reichen, wenn wir wirksam den kleinen und mittleren Unternehmen helfen wollen, die vom Fachkräfteengpässen besonders betroffen sind. Wir brauchen auch qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland. Das heißt natürlich auch, dass wir eine entsprechende Willkommenskultur brauchen. Was wir auf keinen Fall brauchen können, sind Neonazis und andere Idioten, die den Ruf unseres Landes ruinieren, wenn wir nicht aufpassen.

Bei der Suche nach Fachkräften unterstützen wir die Unternehmen ganz praktisch. Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (www.kofa.de) gibt Handlungsempfehlungen und Praxisbeispiele. Mit dem kostenlosen Bewertungsinstrument „Spiegel der Personalpolitik“ können Unternehmen ihre Personalarbeit mit der anderer Betriebe vergleichen und dadurch weiter verbessern. Die Informationsoffensive „Berufliche Bildung – praktisch unschlagbar“ wirbt bei Jugendlichen, Eltern, Lehrkräften und potenziellen Ausbildungsbetrieben für die berufliche Aus- und Weiterbildung. Außerdem fördert das Bundeswirtschaftsministerium rund 190 Beraterinnen und Berater bei Kammern und weiteren Organisationen der Wirtschaft vor Ort. Diese Berater unterstützen kleine und mittlere Unternehmen bei der passgenauen Besetzung von Ausbildungsplätzen. Sie helfen auch bei der Integration von ausländischen Auszubildenden.

Derzeit laufen innerhalb der Bundesregierung die Gespräche für eine Weiterentwicklung des nationalen Ausbildungspaktes zu einer „Allianz für Aus- und Weiterbildung“. Unser Ziel ist es, jungen Menschen einen Weg in die berufliche Ausbildung aufzuzeigen, der sie frühestmöglich zu einem Berufsabschluss führt. Dabei hat die betriebliche Ausbildung Priorität.

 
„Wo sollten Handwerksbetriebe selbst mehr Initiative zeigen?“

Praktische Fähigkeiten, Material- und Problemlösungskompetenz sind die Stärken des Handwerks. Doch wir leben in einer medial geprägten Welt. Hier spielen Information und Kommunikation eine wichtige Rolle. Handwerksunternehmen sollten die vielseitigen und attraktiven Perspektiven, die sie bieten, stärker kommunizieren. Dazu gehört, frühzeitig Tuchfühlung mit Schulen und Gymnasien aufzunehmen, um junge Menschen für eine Karriere im Handwerk zu begeistern. Handwerksbetriebe könnten z.B. eine Arbeitsgemeinschaft an einer Schule unterstützen oder mit Schülern ein gemeinsames Projekt realisieren. So wird Handwerk für junge Menschen erlebbar. Schließlich sollten die Handwerker auch alle Möglichkeiten nutzen, die das digitale Zeitalter bietet. Junge Menschen sind im Internet und dort besonders in sozialen Netzwerken präsent.

 
„Wie steht es mit der Online-Präsenz von Handwerksbetrieben, sehen Sie da Nachholbedarf?“

Den Nachholbedarf sehe ich schon. Gerade mal 48 Prozent, also nur knapp die Hälfte der Betriebe verfügt über eine eigene Homepage. Dabei schaut heute jeder Kunde zuerst im Internet nach. Eine Homepage kann Werbung und ein Schaufenster der eigenen Leistungen sein. Sie kann sehr hilfreich für die Kommunikation mit Kunden und Lieferanten, aber auch mit potentiellen Fachkräften und Auszubildenden sein. Und man kann im Zeitalter der Digitalisierung mit einer Homepage seinen Aktionsradius erweitern. Aber man kann nur dann im Internet gefunden werden, wenn man im Internet präsent ist, so einfach ist das.


„Wie sollte sich das Handwerk präsentieren, um besser auf die Jugend zuzugehen?“

Erfreulicherweise wird schon auf recht breiter Front für die duale Berufsausbildung geworben. Die Bundesregierung unterstützt das mit einer Reihe von Programmen, z.B. der Informationsoffensive „Berufliche Bildung – praktisch unschlagbar“, der geplanten „Allianz für Aus- und Weiterbildung“ und der passgenauen Vermittlung von Fachkräften. Für absolut empfehlenswert halte ich die Zusammenarbeit mit Schulen, ich denke da z.B. an Betriebserkundungen, Praktika, praxisorientierte Projekte oder Bewerbungstrainings.

 

Interviewfragen: Anne Thadewaldt – Meister.de

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