Flüchtlinge im Handwerk: Dem Traumberuf ganz nahe!

Eine ganz besondere Gelegenheit hat sich in diesem Jahr den beiden Flüchtlingen Aftab und Ahsanullah aus Afghanistan geboten. Die beiden sind bereits im September bzw. Oktober 2014 aus dem Krisengebiet nach Deutschland geflohen und seit August 2015 in der Jugendhilfestation des Vereins für sozialpädagogische Jugendbetreuung e.V. in Coburg untergebracht.

Die Einrichtung unterstützt Kinder und Jugendliche unter anderem über das intensiv betreute Jugendwohnen und gibt so auch jungen Flüchtlingen eine schulische und berufliche Perspektive, hilft dabei lernpraktische Fähigkeiten und soziale Kompetenzen zu erwerben und Defizite aufzuarbeiten. Gemeinsam mit den qualifizierten Pädagogen der Einrichtung werden der Alltag, aber auch die nächsten Lebensschritte geplant, wichtige Ziele gesetzt und ein individueller Hilfeplan umgesetzt.

Bei den beiden Flüchtlingen umfasst dieser auch das Berufsschulintegrationsjahr, das sie im letzten Schuljahr schon begonnen haben und nun fortsetzen können. Nach dem Umzug von einer anderen Einrichtung in das intensiv betreute Jugendwohnen in den letzten Sommerferien hat sich die Betreuerin Christina Dietze zudem bemüht noch kurzfristig ein Praktikum für Aftab und Ahsanullah zu finden. Denn sechs Wochen Sommerferien ohne jegliche Beschäftigung waren den beiden einfach viel zu lang – Sie sind es gewohnt, körperlich aktiv zu sein, erhalten durch ihren Status als Flüchtlinge jedoch nur selten die Möglichkeit dazu.

Aftab (links), Betreuerin Christina Dietze und Ahsannulla (rechts).

Aftab (links), Betreuerin Christina Dietze und Ahsannullah (rechts).

Als Volker Grempel von Grempel Elektrotechnik über Christina Dietze von Aftab und Ahsanullah erfuhr, lud er sie direkt zu sich ein. Da er schon häufig den Verein unterstützt hat, konnte er sich gut vorstellen, dass die beiden 17-jährigen ein Praktikum in seinem Betrieb absolvieren. Die Firma und all seine Mitarbeiter sind stets offen für solche Projekte, vor allem wenn sie Interesse und Motivation bei den Praktikanten spüren. Nach einem Vorstellungsgespräch und einem ersten Kennenlernen wurden die Rahmenbedingungen vereinbart und alle Fragen ganz offen geklärt.

Einem Praktikum stand also nichts mehr im Wege und so haben Aftab (10 Tage) und Ahsanullah (14 Tage) im Betrieb von Volker Grempel mitgearbeitet und dabei geholfen Kabel zu verlegen, Blitzableiter zu überprüfen und sogar WLAN einzurichten. Die Arbeit ist ihnen leichtgefallen, vor allem weil auch die Kollegen so nett und lustig waren. „Wir haben jeden Tag viel gelacht“, sagt Aftab.

Bei der Frage nach ihrem Traumberuf antworten die beiden mit leuchtenden Augen sofort: „Elektroniker“. Das Praktikum war für die beiden also ein echter Glücksgriff, so konnten sie ihrem Traum ein Stückchen näher kommen und viel Neues lernen.

Zu Hause gibt es diesen Beruf nämlich nicht, da die Technik dort einfach noch nicht so weit fortgeschritten ist. Wenn aber zum Beispiel das Licht nicht mehr geht, macht man sich selbst an die Arbeit. Somit haben sich die beiden schon ganz gut ausgekannt und viel technisches Verständnis mitgebracht. Allgemein gibt es das Handwerk so, wie wir es in Deutschland kennen, in Afghanistan nicht, erklären die beiden. Vom Haus bis hin zu Möbeln wird alles selbst gebaut. Die Eltern machen die Arbeiten vor und die Kinder schauen es sich ab und packen nach und nach mit an. So haben Aftab und Ahsanullah zu Hause beim Bau und Ausbau des Hauses mitgeholfen, selbst gemauert, sich selbst ein Bett gebaut und elektrische Leitungen verlegt. Ansonsten wird viel auf dem Feld gearbeitet, eine Schule haben sie in ihrer Heimat nicht besucht. Trotzdem haben sie immer versucht selbstständig zu lernen und sich über Bücher Wissen auch im Bereich der Elektrotechnik anzueignen.

Aftab geht seinem Kollegen zur Hand. Foto: Volker Grempel, Grempel Elektrotechnik.

Aftab geht seinem Kollegen zur Hand. Foto: Volker Grempel, Grempel Elektrotechnik.

„Sie haben wirklich super mit angepackt, waren immer pünktlich und gut gelaunt bei der Sache“, betont Volker Grempel. Das freut Christina Dietze natürlich sehr, überrascht sie aber auch ein bisschen. Denn sie weiß zwar, dass die beiden sehr zuverlässig sind und immer alles perfekt machen wollen, aber dass das frühe Aufstehen nach den Ferien so prima klappt und sie selbstständig jeden Tag mit dem Zug pünktlich in der Firma waren, hätte sie nicht gedacht, vor allem weil es zeitlich schon sehr knapp war. Das macht natürlich Hoffnung, dass die beiden auch weiterhin so fleißig sind und es so gut machen, dass es vielleicht in naher Zukunft doch mal möglich wird, eine Ausbildung zu absolvieren.

Nach dem Praktikum und den Sommerferien ging es für die beiden, etwas wehmütig, diesen September wieder in die Berufsschule. Ihre Klasse besteht derzeit aus 20 Schülern, die in zwei 10er-Gruppen aufgeteilt werden. Die Mitschüler sind ausschließlich Flüchtlinge aus unterschiedlichen Ländern und verschiedener Altersgruppen. Unterrichtet werden sie in Deutsch, Mathematik, Kochen und Theater. So erlangen sie wichtige Grundlagen, um den Alltag zu meistern und sich sozial gut integrieren zu können.

Im Februar sind gemeinsam mit der Berufsschule weitere Praktika geplant. Ziel soll es schließlich sein, die Jugendlichen Schritt für Schritt in die Ausbildung zu führen und in naher Zukunft einen Ausbildungsbetrieb zu finden. Derzeit gibt es in Deutschland mehr als 30.000 freie Ausbildungsstellen, eine große Chance also nicht nur für die Flüchtlinge, sondern auch für die Betriebe und Unternehmen.

Wir wünschen Aftab und Ahsanullah viel Glück und bedanken uns ganz herzlich auch bei Christina Dietze und Volker Grempel für das tolle Gespräch.

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