Das Handwerk in Deutschland – Bestandsaufnahme und Herausforderungen

Jeder Wohnungseigentümer oder Hausbesitzer hat schon einmal die Dienste von einem Handwerker in Anspruch genommen, sei es für diverse Reparaturen oder im Zuge von Renovierungs- oder Umbauarbeiten in den eigenen vier Wänden.

Um die Dienste eines Handwerkers richtig einschätzen zu können, ist es empfehlenswert, sich im Vorfeld über einige Aspekte zu informieren, damit sowohl die Beratung als auch die Ausführungen erfolgreich verlaufen und beide Seiten von der Zusammenarbeit profitieren. Damit dies gelingt, sind in diesem Artikel einige Hinweise und Tipps aufgeführt, welche organisatorischen Aspekte es bei der Suche nach einem Handwerker, während der Arbeiten sowie nach der Auftragsabwicklung zu berücksichtigen gibt.

Das Handwerk ist ein vielseitiges Feld mit vielen unterschiedlichen Berufszweigen.

Abb.1: Das Handwerk ist ein vielseitiges Feld mit vielen unterschiedlichen Berufszweigen.

1. Handwerkersleistungen in Deutschland – Ein Überblick

1.1 Zahlen, Daten und Fakten

Die Handwerksbranche ist breit gefächert, die meisten Berufe lassen sich einem der folgenden Bereiche zuordnen: Bau- und Ausbaugewerbe, Holzgewerbe, Bekleidungs-, Textil- und Ledergewerbe, Elektro- und Metallgewerbe, Lebensmittelgewerbe, Kaufmännische Berufe, Gesundheits-, Körperpflege-, Chemisches- und Reinigungsgewerbe, Glas-, Papier- sowie Keramisches Gewerbe.

Das Handwerk ist nach wie vor ein beliebter Ausbildungsbereich, auch wenn sowohl das Angebot an Lehrstellen sowie die Nachfrage in den letzten zwei Jahren in nahezu allen Bereichen gesunken sind. Im Jahr 2013 waren nach Angaben der Deutschen Handwerks Zeitung über ein Viertel der gesamten Ausbildungsverträge im Handwerk angesiedelt, lediglich in der Industrie sowie im Handel ist diese Zahl höher. Unter den mehr als 300 betrieblichen Ausbildungsberufen von jungen Männern und Frauen haben es fünf in die Liste der 15 Berufe geschafft, in denen 2013 die meisten Ausbildungsverträge abgeschlossen wurden. Der beliebteste Beruf bei jungen Männern ist Kfz-Mechatroniker, auf dem zweiten Platz liegt der Industriemechaniker. Weitere beliebte Handwerksberufe sind der Elektroniker (4. Platz), gefolgt von der Lehre zum Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizung- und Klimatechnik auf dem fünften Patz sowie die Ausbildung zum Koch auf Rang zehn.

Wenig überraschend ist die Erkenntnis, dass die Handwerksbranche bei Frauen weniger beliebt ist als bei Männern. Lediglich zwei der zehn beliebtesten Ausbildungsberufe 2013 bei den weiblichen Berufsanfängern sind dem Handwerk zugeordnet. Auf dem siebten Platz liegt der Friseurberuf, die Ausbildung zur Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk ist auf Rang 9 gelistet. Die meisten jungen Frauen entscheiden sich für einen Berufseinstieg als Verkäuferin, gefolgt von Kauffrau sowie Bürokauffrau.

Dass die Handwerksbranche insgesamt seit einigen Jahren wieder im Kommen und auch wieder interessanter für junge Menschen ist, zeigen die beiden folgenden Diagramme. Das erste Diagramm zeigt die Entwicklung der Anzahl der Beschäftigten im deutschen Handwerk über einen Zeitraum von 16 Jahren. Von 1998 bis 2006 sind die Zahlen stets rückläufig, 1998 markiert mit rund 6,2 Millionen den Höchststand bei den Beschäftigtenzahlen, der niedrigste Wert liegt bei etwa 4,8 Millionen Berufstätigen im Handwerk im Jahr 2006. Im Jahr darauf setzte der Aufschwung ein, zunächst schwach, doch bereits im zweiten Jahr (2008) wird mit rund 5,4 Millionen Beschäftigten der zweithöchste Wert im beobachteten Zeitraum erreicht. Bis 2014 sind leichte Auf- und Abschwünge zu registrieren, die Zahl fällt jedoch nicht unter 5,3 Millionen.

Anzahl der Beschäftigten im deutschen Handwerk von 1998 bis 2014 (in 1.000), Quelle: de.statista.com.

Anzahl der Beschäftigten im deutschen Handwerk von 1998 bis 2014 (in 1.000), Quelle: de.statista.com.

Das zweite Diagramm stellt die Anzahl der Handwerksbetriebe in Deutschland im Zeitraum von 1997 bis 2014 dar. Insgesamt verläuft die Entwicklung bei der Anzahl der Handwerksbetriebe ähnlich wie der zeitliche Verlauf bei den Beschäftigtenzahlen. Ein wesentlicher Unterschied ist, dass die Zahl der Unternehmen in der Handwerksbranche nicht zu Beginn des Zeitraums (1997) ihren Höchststand hatte, sondern im Jahr 2013.

Anzahl der Handwerksbetriebe (alle Anlagen) in Deutschland von 1997 bis 2014, Quelle: de.statista.com.

Anzahl der Handwerksbetriebe (alle Anlagen) in Deutschland von 1997 bis 2014, Quelle: de.statista.com.

1.2 Zusammensetzung der Handwerkerkosten

Wer einen Handwerker engagiert, sieht auf der Rechnung die Kosten häufig auf Stundenbasis angegeben, des Weiteren wird die erwartete Anzahl der Arbeitsstunden angegeben – aus diesen beiden Posten setzen sich die Arbeitskosten zusammen. Je nach Region können die Preise für die Dienstleistungen von Malern, Elektrikern, Klempnern, Schreinern mitunter stark variieren, so sind die Stundenpreise für die Dienstleistungen auf dem Land niedriger angesiedelt als in Großstädten. Grundsätzlich schlägt jeder Handwerker seinen eigenen Preis vor, der endgültige Preis ist also stets Verhandlungssache.

In einem Video-Beitrag von n-tv erklärt der Elektriker Peter Kovacs aus München, dass er bei einer Gewinnmarge von rund drei Prozent keinen Spielraum für Verhandlungen sehe. Als Begründung wird folgende Beispielrechnung angeführt: In absoluten Zahlen ausgedrückt verdient der Handwerker bei einem Stundenlohn von 65 Euro nach Abzug aller Kosten unterm Strich unter zwei Euro. Als Lohn für den Gesellen sind 18,40 Euro veranschlagt, zudem muss der selbstständige Unternehmer jedem durchgeführten Auftrag 19 % Mehrwertsteuer (in diesem Fall 10,38 Euro) abführen. Weiterhin fallen Sozialversicherungsbeträge für den Arbeitgeber an (13,65 Euro), die Lohnfortzahlung bei Krankheit oder Urlaub (9,00 Euro) ist ebenfalls vom Stundenlohn abzuziehen. Zum Schluss schlagen noch Verwaltungskosten in Höhe von 12,00 Euro zu Buche. Der tatsächliche Gewinn beträgt 1,60 Euro.

In der unten aufgeführten Grafik sind die Lohnnebenkosten sowie die betrieblichen Gemeinkosten für einen Handwerksbetrieb näher erläutert.

Zusammensetzung der Kosten für eine Handwerkerstunde, Stundenlohn, Lohnnebenkosten, Gemeinkosten, Gewinn - Datenquelle: Handwerkskammer Region Stuttgart.

Datenquelle: Handwerkskammer Region Stuttgart.

Bei der Steuererklärung sind Rechnungen für Handwerkerleistungen bis zu einer gewissen Summe absetzbar.

Abb. 2: Bei der Steuererklärung sind Rechnungen für Handwerkerleistungen bis zu einer gewissen Summe absetzbar.

1.3 Argumente für die Beauftragung eines Handwerkers

Es gibt einige gewichtige Gründe, warum sich die Beauftragung eines Handwerkers lohnt. Zum einen die hohe Qualität, es handelt sich im Regelfall um gut ausgebildete Arbeitskräfte. Wenn ein Kunde den Handwerker auffordert, die Arbeiten ohne Erstellen einer Rechnung durchzuführen, kann dies im Nachhinein problematisch werden. In diesem Fall gibt es beispielsweise keinen Anspruch auf Reklamationen. Das Zurückgreifen auf Handwerkerdienste auf Rechnung lohnt sich zudem aus steuerrechtlichen Gesichtspunkten, da der Kunde bei der Steuererklärung Rechnungen bis zu einer Gesamtsumme von 6.000 Euro im Jahr einreichen kann. Maximal 20 Prozent von diesem Betrag können abgesetzt werden.

2. Die Wahl des richtigen Handwerkers

Grundsätzlich empfiehlt sich bei größeren Aufträgen die Zusammenarbeit mit einem Bauingenieur oder mit einem Architekten. Diese Fachleute organisieren und beaufsichtigen nicht nur die einzelnen Bauschritte, sondern handeln im Regelfall mit den jeweiligen Handwerkern günstigere Preise aus. Bei kleineren Aufträgen mit einem geringen Leistungsumfang spricht nichts gegen die alleinige Vergabe eines Handwerkerauftrags. Die zentrale Frage an dieser Stelle lautet: Wie finden sich der „richtige“ Handwerker bzw. der richtige Betrieb?

2.1 Erste Phase – Die Suche des „richtigen“ Handwerkbetriebs

Der erste Schritt bei der Suche sollte die unverbindliche Wahl eines Handwerksbetriebs sein. Empfehlungen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis dienen hierbei als erste Orientierung. Wer auf keine anderen Meinungen zurückgreifen kann oder dies nicht möchte, kann sich an Bewertungen auf verschiedenen Online-Plattformen sowie am guten Ruf des Handwerkers bzw. des Betriebs halten. Ein Indikator für eine qualitativ gute Arbeit ist etwa ein hoher Stammkundenanteil. Sechs Auswahlkriterien sind ausschlaggebend: Preis; Empfehlungen, Garantien und Auszeichnungen; Erreichbarkeit; Kommunikation und Service; fachliche Kommunikation; und Referenzen.

Ist eine erste Wahl getroffen, ist der nächste Schritt die Vereinbarung eines Termins, um dem Handwerker vor Ort umfassend und präzise darzulegen, welche Arbeiten durchzuführen sind. Es empfiehlt sich direkt zu Beginn abzuklären, ob für die Erstellung eines Angebotes Kosten anfallen. Dies trifft in der Regel nicht zu, sollte es doch der Fall sein, fallen die Kosten üblicherweise nach der Auftragserteilung in der Endabrechnung weg. Auf Grundlage der Besichtigung sowie anhand des ersten Gesprächs liegt es am Handwerker, innerhalb einer vereinbarten Zeit – in der Regel zwei Wochen – ein schriftliches Angebot zu erstellen, auf dem alle besprochenen Leistungen detailliert aufgeführt sind.

Die drei Phasen bei der Suche nach dem „richtigen Handwerker“.

Die drei Phasen bei der Suche nach dem „richtigen Handwerker“.

Um den optimalen Preis zu erhalten, ist dieses erste schriftliche Angebot in eine neutrale Anfrage (ein sogenanntes Leerangebot) umzuwandeln. Je nach Bedarf können die neutralen Formulierungen ergänzt werden, wichtig ist es, keine Preise aufzuführen, da der beste Preis ja ermittelt werden soll.
Sind einige Handwerksbetriebe ausgewählt, ist im Anschluss die allgemeine Anfrage an die interessierten Unternehmen zu verschicken. Da die Zeiten für die An- und Abfahrt vom Kunden zu bezahlen sind, ist das Zurückgreifen auf Handwerker aus der näheren Umgebung zu empfehlen. Bevor die Anfrage verschickt wird, sollte abgeklärt sein, ob der jeweilige Interessent ein schriftliches Angebot einreicht. Nach dem Einholen der verschiedenen Angebote ist deren Überprüfung der zweite wichtige Schritt.

2.2 Zweite Phase – Überprüfung der Angebote

Bei der Begutachtung der Angebote sollte dem Preisvergleich viel Aufmerksamkeit geschenkt werden. Um dabei nicht die Übersicht zu verlieren, ist ein Ordnungssystem zur Strukturierung hilfreich. Die Preise für die einzelnen Leistungspositionen können in verschiedenen Farben markiert werden, z.B. nach den Farben der Ampelschaltung – niedrigster Preis -> Farbe Grün; zweitniedrigster Preis -> Farbe Gelb; drittniedrigster Preis -> Farbe Rot. Eine andere Möglichkeit ist es, die einzelnen Posten mit entsprechenden Nummern zu versehen.

Wenn alle Leistungspositionen von jeglichen verfügbaren Angeboten verglichen sind, ergibt die Summe aller Tiefstpreise das preislich theoretisch beste Angebot. Mit diesen vorhandenen Informationen ist im Anschluss ein Handwerker zu finden, der seine Dienste in Annäherung zum theoretisch besten Preis anbietet. Falls einige Handwerksbetriebe dieses Kriterium erfüllen, gilt es in einem Gespräch herauszufinden, ob die Anbieter die Tätigkeiten zum vorgeschlagenen Preis auch tatsächlich durchführen. Sollte keiner der Betriebe dazu bereit sein, ist ein Entgegenkommen unumgänglich.

Wenn klar ersichtlich ist, dass alle Leistungen im angebotenen Preis enthalten sind, ist das Vereinbaren einen Pauschalbetrags für den gesamten Leistungsumfang empfehlenswert. Dieser ist häufig niedriger als die Summe der einzelnen Leistungen. Nachdem sich beide Seiten auf einen Preis verständigt haben, ist die Vertragsvereinbarung die nächste Phase.

Eine umfassende Auflistung aller Leistungen sowie eine transparente Kostenübersicht sind bei der Wahl des richtigen Handwerkers zwei wichtige Kriterien.

Abb. 3: Eine umfassende Auflistung aller Leistungen sowie eine transparente Kostenübersicht sind bei der Wahl des richtigen Handwerkers zwei wichtige Kriterien.

2.3 Dritte Phase – Vereinbarung des Vertrags

Bei der Vereinbarung des Vertrags ist der Handwerker zunächst an der Reihe, dieser legt im Regelfall eine Auftragsbestätigung vor. Geschieht dies nicht, sollte der Kunde den Leistungsumfang in einem Auftragsschreiben festhalten und dieses gegenzeichnen lassen. Liegt eine Auftragsbestätigung vor, ist zu überprüfen, ob die folgenden Punkte aufgeführt sind:

  • Leistungsumfang: Detaillierte und präzise Beschreibung aller durchzuführenden Tätigkeiten.
  • Transparente Preisgestaltung: Summe aller anfallenden Kosten (Aufwendungen für die Arbeitszeit, Werkzeug-, Material- und Personalbedarf sowie anfallende Steuern).
  • Möglichst konkreter Arbeitszeitraum: Arbeitsbeginn sowie geplanter Fertigstellungstermin.
  • Zahlungskonditionen: Art, Umfang und zeitliche Vereinbarung der Ratenzahlung.

Größere Aufträge, insbesondere im Hoch- und Tiefbau, sollten in schriftlicher Form und im Einklang mit der sogenannten Verdingungsordnung für Bauwesen (VOB) erteilt werden. Im Falle kleinerer Arbeiten, bei denen der Auftrag mündlich erteilt wird, sollten Art und Umfang der durchzuführenden Tätigkeiten ebenfalls umfassend und deutlich besprochen werden. Zum einen hilft dies dem Handwerker, seinen Werkzeug- und Personalbedarf besser einplanen zu können, zum anderen erspart es dem Kunden unnötige Kosten. Des Weiteren sollte der Kunde vor allem im Falle einer mündlichen Vereinbarung den Handwerker bitten, die aufgewendete Zeit in einem Tagesbericht festzuhalten, diesen Rapportzettel unterschreiben und eine Durchschrift des Belegs an ihn weiterreichen.

In den meisten Fällen werden die Arbeiten von den Handwerksbetrieben zur Zufriedenheit der Auftraggeber ausgeführt. Sollten jedoch einmal Probleme auftreten, gibt es auch hier einige Dinge zu beachten.

2.4 Vierte Phase – Bezahlung der Rechnung und Hinweise im Streitfall

Grundsätzlich gilt, dass der Handwerker nach der ordnungsgemäß erbrachten Leistung sowie der Ausstellung einer korrekten Rechnung Anrecht auf eine fristgerechte Bezahlung hat. Weiterhin gilt, dass Rechnungen ohne Abzug zahlbar sind. Sofern keine speziellen Vereinbarungen existieren, darf kein Betrag für mögliche Gewährleistungen einbehalten werden. Kunden sollten der Handwerkskammer Reutlingen zufolge Verständnis dafür aufbringen, wenn der Handwerksbetrieb bei der Aufsetzung des Vertrags ein Recht auf Abschlagszahlung für abgrenzbare Teilleistungen verlange.

Auf der anderen Seite sollten Kunden keine Vorauszahlungen leisten, da ein professioneller Betrieb den Auftrag in der Regel vorfinanzieren kann. Um die Sicherheit für den Handwerker auf eine korrekte und fristgerechte Bezahlung zu gewährleisten, kann der Kunde eine Finanzierungssicherstellung seiner Bank anbieten. In diesem Fall verpflichtet sich das Kreditinstitut, den Handwerker nach Erledigung der Arbeiten zu bezahlen. Die Grundlage für die Auszahlung stellt ein von beiden Seiten aufgesetztes und unterschriebenes Abnahmeprotokoll dar, das die korrekte Durchführung der Dienstleistung bestätigt.

Falls es Gründe für Reklamationen gebe, sollten diese zunächst in einem Gespräch geklärt werden. Führt dies nicht zum gewünschten Ergebnis, sind zunächst die Vermittlungsstellen der zuständigen Handwerkskammer einzuschalten. Sollten diese Versuche den Streit über die Qualität der erbrachten Leistung nicht beilegen, ist der letzte Schritt der Gang vor ein Gericht. Es empfiehlt sich, die Dienste eines unabhängigen Sachverständigen in Anspruch zu nehmen, doch Vorsicht: Vor Gericht hat nur das Gutachten eines vom Gericht eingesetzten Sachverständigen Gewicht, ein privat beauftragter Fachmann ist nicht zulässig. Generell sollte ein Streit vor Gericht immer vermieden werden, da dieser nur Kosten verursacht und die Nerven aller Beteiligten strapaziert.

3. Herausforderungen der deutschen Handwerker

3.1 Fachkräftemangel – Mythos oder Realität?

Dem Handwerk fehlt es seit einigen Jahren an Lehrlingen, die nach der Ausbildung Fachkräfte und später als Meister die Betriebe leiten und junge Menschen ausbilden. Hierbei handelt es sich um eine immer wiederkehrende Aussage, sie trifft im Kern zu, es lassen sich jedoch regionale Unterschiede festhalten. Vor allem in strukturschwachen Regionen haben die Betriebe mit einem Nachwuchsmangel zu kämpfen, die Handwerksbranche muss nach Angaben der Aachener Zeitung mitansehen, dass immer mehr junge Menschen ihre Ausbildung in einem Industriebetrieb absolvieren oder ein Studium aufnehmen. Felix Kendziora, Vizepräsident der Handwerkskammer Aachen, sieht auch die Betriebe für diese Entwicklung teilweise mitverantwortlich und fordert, dass sich die Unternehmen intensiver um die Auszubildenden kümmern. Er regt an, auch schwächeren Schülern mehr Chancen einzuräumen und plädiert für eine stärkere Kooperation kleinerer Betriebe, um den Auszubildenden stärker unter die Arme zu greifen, damit diese ihre Schwächen abbauen und ihre Ausbildung sowie den Start ins Berufsleben erfolgreich gestalten können.

Einige Vertreter von Handwerkskammern und von Seite der Unternehmen wünschen sich einen Image-Wandel des Handwerks: Weg von dem Vorurteil, dass die Löhne zu gering seien und sich durch harte körperliche Arbeit kaputt gemacht werde hin zu einem zunehmend qualifizierten Berufsbild, dessen Ausübung technisch immer anspruchsvoller wird. Hinweise und Tipps, wie Betriebe dem Nachwuchsmangel aktiv entgegengetreten können, sind an dieser Stelle aufgeführt.

3.2 Auswirkungen des Mindestlohns auf die Handwerksbranche

Renommierte Ökonomen und einige Branchenverbände der deutschen Wirtschaft haben vor den Folgen des gesetzlichen Mindestlohns in Deutschland gewarnt und pessimistische Prognosen für die deutsche Wirtschaft und die Gesellschaft insgesamt aufgestellt: Nach Ansicht dieser Wirtschaftsexperten werde eine flächendeckende Lohnuntergrenze die Konjunktur abwürgen, zu massivem Stellenabbau führen, die Verbraucherpreise in die Höhe treiben sowie vor allem die Geringqualifizierten und die ohnehin sozial schwachen Personen am härtesten treffen. Die schlimmen Befürchtungen seien laut Tagesspiegel hundert Tage nach Einführung des Mindestlohns bislang nicht eingetreten.

Die Handwerksbetriebe haben zum einen nach rein geschäftlichen Gesichtspunkten wenig Grund zur Klage. Aufgrund der anhaltenden Niedrigzinsphase investieren die Verbraucher seit einiger Zeit verstärkt in Immobilien, neben dem Erwerb von Wohnraum geben sie auch mehr Geld für Modernisierung sowie für die energetische Sanierung ihrer Wohnungen und Häuser aus. Dies wiederum führt zu einer hohen Nachfrage bei den Handwerksbetrieben und insgesamt zu hoher Zuversicht.

Zum anderen verdienen die meisten Beschäftigten im Handwerk in vielen Regionen Deutschlands seit Jahren mehr als 8,50 Euro pro Stunde. In strukturschwachen Regionen, vor allem in Ostdeutschland, liegen die durchschnittlichen Löhne für einige Dienstleistungen, beispielsweise in Bäckereien, unter dem Mindestlohn.

Der Arbeitsmarktexperte Holger Bonin erläutert in diesem Interview, dass das Gastgewerbe am stärksten vom Mindestlohn betroffen sei, da rund 40 Prozent der Beschäftigten in dieser Branche vorher niedrigere Stundenlöhne bezogen haben. Im Handel lege diese Zahl bei etwa 15 Prozent. Grundsätzlich seien geringfügig Beschäftigte, insbesondere Minijobber, von den neuen Regelungen am stärksten betroffen. Ein Problem sei, dass die Arbeitgeber die höheren Kosten auf die Beschäftigten abwälzen können, z.B. durch den Wegfall von Vergünstigungen oder durch geringere Lohnerhöhungen in den nächsten Jahren. Zudem könnten angestellte Tätigkeitsverhältnisse in die Selbständigkeit ausgelagert werden, diese würden dann nicht mehr unter die Bestimmungen des Mindestlohngesetzes fallen. Des Weiteren werde es zu Preissteigerungen bei einigen Dienstleistungen kommen, beispielsweise in Gaststätten und im Taxigewerbe. Es sei noch nicht klar ersichtlich, welche Konsequenzen die preislichen Entwicklungen auf lange Sicht nach sich ziehen werden, dies hänge in erster Linie vom Verhalten der Verbraucher ab.

Beim Handwerk ist vor allem das Baugewerbe von Schwarzarbeit betroffen.

Abb. 4: Beim Handwerk ist vor allem das Baugewerbe von Schwarzarbeit betroffen.

3.3 Schattenwirtschaft im Handwerksbereich

Ein zentraler Kritikpunkt von Arbeitgebern an den Regelungen zum gesetzlichen Mindestlohn ist die Pflicht zur Dokumentation der Arbeits- und Pausenzeiten der Beschäftigten. Dies gilt für geringfügig Beschäftigte und für Branchen, die für Schwarzarbeit anfällig sind. Hierunter fallen beispielsweise das Gaststätten- und Reinigungsgewerbe sowie das Baugewerbe. Kritik richtet sich auch an die Regelung, wonach der Handwerker als Generalunternehmer für die Verstöße von Subunternehmern gegen die Bestimmungen des Mindestlohngesetzes haftet. Nach Ansicht des Generalsekretärs des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Holger Schwannecke, fördere dies ein Klima des Misstrauens zwischen den Betrieben.

Schwarzarbeit und seine Bekämpfung – dies war das Hauptthema auf einer Konferenz Ende Mai 2015, ausgerichtet von der Handwerkskammer Düsseldorf sowie von den Kreishandwerkerschaften der Kreise Kleve und Wesel. Die Teilnehmer appellierten an die Kommunen, härter und koordinierter als bislang gegen die Schattenwirtschaft vorzugehen: „Handwerkliche Schwarzarbeit schadet nicht nur den Steuer- und Sozialsystemen, sondern verhindert auch einen fairen Wettbewerb“, erläuterte Andreas Ehlert, Präsident der Handwerkskammer Deutschland laut diesem Artikel auf lokalkompass.de

4. Fazit

Aufgrund der niedrigen Zinsen und der relativ günstigen Energiepreise steigt die Nachfrage nach Immobilien, somit werden auch mehr Handwerkerleistungen nachgefragt. Wie in diesem Artikel aufgezeigt, gibt es bei der Suche nach dem „richtigen“ Handwerker einige Aspekte zu berücksichtigen.

Neben den positiven Meldungen sieht sich das Handwerk in der Bundesrepublik Deutschland in den nächsten Jahren mit großen Herausforderungen konfrontiert. Vertreter von Handwerkskammern und Unternehmen fordern einen Wandel des Berufsbildes, der die Handwerksberufe für den Nachwuchs wieder attraktiver macht.

 

Bildquellen:

Abbildung 1: Arbeitnehmer Bohren Maschine, pixabay.com © skeeze (CC0 1.0)

Abbildung 2: Mantelbögen, commons.wikimedia.org © Mattes (CC0 1.0)

Abbildung 3: Taschenrechner Zahlen Quittung, pixabay.com © blickpixel (CC0 1.0)

Abbildung 4: Handwerk Arbeit Baustelle, pixabay.com © Antranias (CC0 1.0)

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